Bahnhofsareal Dachau: Konzeptstudie
23. Juni 2021
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Bahnhofsareal Dachau: Stellungnahme

Bahnhofsareal Dachau

Stellungnahme des Architekturforum Dachau zum Ergebnis des Ideenwettbewerbs [ Stand: Juni 2021 ]
Es geht voran mit den Planungen zur Neuordnung des Areals Hauptbahnhof Dachau - angefangen von der Post bis zur Schleißheimer Straße! Nach jahrelangen und zähen Verhandlungen mit dem Mehrheitseigentümer der Bauflächen, der Deutschen Bahn, hat es die Stadt Dachau geschafft, einvernehmlich einen städtebaulichen Ideenwettbewerb durchzuführen. Das Ergebnis liegt nun vor und wurde den Dachauer Bürgern erstmals am 12. April per Videokonferenz präsentiert. Es wurden 13 Arbeiten eingereicht. Darunter 3 Arbeiten von bzw. mit Beteiligung Dachauer Architekten. Es kann gar nicht genug gewürdigt werden, dass in Dachau ein großer Konsens besteht, für bedeutende städtebauliche und stadtbildprägende Projekte Planungswettbewerbe durchzuführen, denn dadurch wird die Wahrscheinlichkeit erheblich gesteigert, ein umfassend optimales Ergebnis zu erhalten. So war es beispielsweise auch für das MD-Gelände. Das Architekturforum Dachau hat das Ergebnis des Wettbewerbs und den Siegerentwurf von 2008 als gelungenen Vorschlag für dieses Jahrhundert- Projekt in Dachau stets gewürdigt und unterstützt.

Was ist nun das Ergebnis des jüngsten Wettbewerbes für das Bahnhofsumfeld, das für Dachau ebenfalls von höchster Bedeutung ist? Kann zumindest einer der vorliegenden Entwürfe dem hohen Anspruch gerecht werden? Wir müssen leider sagen: nein. Und wir sehen uns im Grunde genommen durch das Urteil des Preisgerichtes bestätigt, das dem 1. Preisträger größere Mängel bescheinigt hat. Auch die Liste der vom Stadtrat bereits beschlossenen Überarbeitungshinweise umfasst 13 Punkte.


Der Wettbewerb war jedoch keinesfalls umsonst: Es können daraus wertvolle Erkenntnisse abgeleitet werden, die zu einem hochkarätigen Ergebnis führen sollten. Denn in einigen der vorliegenden Arbeiten sind durchaus Ansätze enthalten, die geeignet erscheinen, das Endergebnis zu bereichern. In Ergänzung zu den Ausführungen des Preisgerichtes werden wir im Folgenden zu Qualitäten und Mängeln - grundsätzlich und im Einzelnen - Stellung beziehen.

Grundsätzliches
Es ist auffallend, dass fast alle der eingereichten Arbeiten mit der geforderten hohen Nutzungsziffer - Geschossfläche GF - schwer zu kämpfen hatten und letztlich gescheitert sind. Hingegen haben die Verfasser des Siegerentwurfes den Mut aufgebracht, die geforderten Flächen zu unterschreiten mit dem Ergebnis, ein in dieser Hinsicht ansprechen-des und dem Charakter Dachaus angemessenes Modell präsentieren zu können. Es fehlt, zumindest bei den ersten beiden Preisträgern, ein Bahnhofsplatz, der an der richtigen Stelle liegt und hinsichtlich seiner Funktionalität, Aufenthaltsqualität, Platzform und Gestaltung die hohen Ansprüche erfüllt. Es wäre wünschenswert, dass das Bahnhofsareal auch in der Stadtsilhouette markant in Erscheinung tritt. Es sollte auch von Rathaus- und Schloßterrassen erkennbar sein: als wesentliches Orientierungsmerkmal, für Dachauer, vor allem für Besucher. Voraussetzung: Ein höheres Gebäude wäre gestalterisch im Gesamtkonzept integrierbar.
Anforderungen an die Gestaltung eines neuen Bahnhofplatzes Neben der Erfüllung der geforderten verkehrstechnischen und funktionalen Anforderungen muss für das öffentliche Leben in der Stadt Dachau Form, Gestaltung und Nutzungsvielfalt dieses Areals oberste Priorität sein. Benötigt wird ein größerer städtischer Platz mit definierter räumlicher Fassung, der auch den Menschen dienen sollte, die nicht ausschließlich zu Bahn oder Bus unterwegs sind. Es sollte ein öffentlicher, atmosphärischer und verkehrsfreier Aufenthaltsraum entstehen mit vielfältigen Nutzungsangeboten: Restauration, Café, kleine Läden, Kulturangebote, mit Brunnen und viel Grün. Und das alles in hochwertiger Gestaltung und mit guter Sonnenausrichtung. Auch der Schallschutz gegenüber dem Gleiskörper ist ein Kriterium. So ein Platz (oder auch mehrere Plätze) sollte die Besucher, die die KZ-Gedenkstätte besuchen, angemessen empfangen und ihnen in Erinnerung bleiben. Zudem sollte der künftige Bahnhofsplatz in erster Linie auf die Sichtachse der Bahnhofstraße ausgerichtet sein. Das alte Bahnhofsgebäude sollte in seiner zentralen städtebaulichen Position erhalten werden und den Bahnhofsplatz auch in Zukunft begrenzen. Es transponiert eine historische Dimension in die Gegenwart und in Verbindung mit zeitgemäßer Architektur kann ein Ensemble entstehen, das unverwechselbar zu Dachau passt und gehört.
Beurteilung des 1. Preises
Einen markanten städtischen Platz, der die oben beschriebenen Kriterien erfüllt, können wir leider nicht erkennen. Er wäre auch so, wie er dargestellt ist, nicht umsetzbar. Positiv ist der Erhalt des alten Bahnhofgebäudes. Der mittig in das freie Bahnhofsareal gesetzte große polygonale Bau (Mittelbau) ist aber unmittelbar vor und zu nah am alten Bahnhof platziert. Dieser wird dadurch z.T. verdeckt. Das ist dem historischen Gebäude nicht angemessen. Dieser Mittelbau teilt die bestehende Gesamtfläche vor dem alten Bahnhof in drei unterschiedlich strukturierte Freiräume. Damit entfällt jede größere räumliche Platzwirkung. Die stadträumliche Situation zerfällt zu kleinräumigen, hofartigen Zwischenbereichen. Der Raumbezug ist eher auf die untergeordnete Langhammerstraße als auf die Bahnhofsstraßeorientiert. Vielfältige Funktionen, die eine größere, übersichtliche Fläche benötigen, sind somit nicht möglich. Die taillierte Engstelle zwischen dem historischen Altbau und dem Mittelbau (Taxistandplatz) stellt lediglich die Verbindung von dem nördlichen zu dem südlichen Freibereich dar. Auch eine Aufweitung dieser Engstelle schafft kaum eine befriedigende Platzsituation. Der nördliche Bereich (bezeichnet als der eigentliche Bahnhofsplatz) ist eine reine Bewegungsfläche und zum entspannten Verweilen nur eingeschränkt geeignet. Die dargestellte vorhandene Baumgruppe kann nicht erhalten werden, wenn sich darunter die Fahrradgarage befindet. Noch dazu steht die Baumgruppe auf einem Hügel und verhindert eine offene Platzwirkung. Sonnenschirme an der Nordfassade des Mittelbaus sehen im Plan schön aus, sind aber Unsinn.

Eine Fahrradrampe mittig in der Fläche zerschneidet diesen Freiraum zusätzlich. Die Lücke zwischen dem alten Bahnhof und dem östlichen Neubauriegel bietet keinen befriedigenden Raumabschluss zur Gleistrasse. Die südliche Fläche, die zur Frühlingsstraße, zur südlichen Baumgruppe und zum Gleiskörper offen ist, also nach 3 Seiten, kann keine Platzwirkung entfalten. Es fehlt eine Randbebauung. Auch diese Freifläche fungiert überwiegend als Bewegungsfläche mit Fahrverkehr für Taxen und Fahrräder. Sehr störend ist die Tiefgaragenzufahrt am südwestlichen Eck des Mittelbaus. Hier würde man sich eine attraktivere, Eingangssituation zu einem Bahnhofsplatz wünschen. Grundsätzlich positiv ist der zu erhaltene Baumbestand am Südrand dieser Fläche. Im Gegensatz zum Baumbestand auf der nördlichen Freiflache ein glaubwürdiger Planungsansatz. Allerdings steht dieses Ziel der Forderung nach einem baulich geprägten Platzrand entgegen. Insgesamt ist es deshalb sehr fraglich, ob die geforderte Überarbeitung des Mittelbaus ausreicht. Damit der Bahnhofsplatz auch als "Stadtplatz" gelingen kann, wäre eine wesentliche Lageverschiebung und u.U. eine Reduzierung der Geschoßfläche einschließlich einer angemessenen Nutzungszuweisung unumgänglich. An Stelle der vorgeschlagenen Altenwohnungen wäre z.B. eine öffentliche, kulturelle Nutzung wie ein Kino sehr geeignet, den Platz auch zusätzlich zu Ladenöffnungszeiten zu beleben und die soziale Kontrolle damit zu erhöhen.
Busbahnof
Auf Wunsch der Stadtverwaltung soll das tragende Konzept des 1. Preisträgers aufgegeben werden, das eine Straßenrandbebauung vorsieht. Wie beim 2. Preis soll die Bebauung an die östliche Grundstücksgrenze verschoben werden, mit der Folge, dass ein langer, zur Frühlingstraße offener Freiraum mit den Bushaltestellen entsteht. Sofern das gelingt, wäre grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden. Allerdings sollte der Urheber des 2. Preises aus Gründen der Fairness angemessen beteiligt werden. De facto bedeutet das aber, dass an der Frühlingstrasse das Straßenprofil aufgeweitet wird. Das würde es aber wiederum nahelegen, im südlichen Anschluss daran eine geeignete - vermutlich kompaktere Bauform zu platzieren, die den Straßenraum der Frühlingsstraße harmonisch rhythmisch gliedert.
Wie könnte es künftig weitergehen?
Der vordringliche Bauabschnitt Busbahnhof wird einige Jahre benötigen. Genügend Zeit, um das zentrale Bahnhofsvorfeld sorgfältig unter Berücksichtigung neuerer Erkenntnisse zu überdenken. Unter Umständen mittels weitere Planungswettbewerbe. Für das Gesamtkonzept könnte ein informeller Masterplan entwickelt werden, auf dessen Grundlage ein erster Bebauungsplan die rasche Verwirklichung des Busbahnhofes ermöglichen würde. Ein zweiter Bebauungsplan für den zentralen Bereich vor dem historischen Bahnhofsgebäude würde folgen, nach dem eine optimierte und auch mit der Bürgerschaft umfassend und öffentlich diskutierte Lösung vorliegt.
Fazit?
Ohne umfassende Änderung der erstplatzierten Arbeit erhielte Dachau eine unangemessene kleinräumige Struktur am alten Bahnhof und einen großen Platz (Busbahnhof = Busparkplatz) an der Frühlingstraße. Schon die in der Vorstellung am 12. April erläuterten 13 notwendigen Planänderungen des 1. Preises werden die Grundzüge der Planung erheblich beeinflussen. Wir hoffen, dass die bereits an den ersten Preisträger beauftragte Überarbeitung seiner Pläne zu einem Gesamtkonzept führt, das die beschriebenen Defizite nicht mehr enthält und in der Lage ist, die beschriebenen Qualitätsansprüche zu erfüllen. Vor Allem für den Bahnhofsplatz vor dem bestehenden Bahnhofsgebäude.

STELLUNGNAHME ALS PDF

Unser Diskussionsbeitrag: Konzeptstudie zum BahnhofsbereichDachau


Wir haben zu dem durchgeführten städtebaulichen Ideenwettbewerb "Bahnhofbereich Dachau" ausführlich Stellung genommen. Wir haben aus unserer Sicht alle Anforderungen genannt, die an die Ausbildung und Gestaltung eines künftigen Bahnhofsplatzes gestellt werden müssen. Wir wollen aber nicht nur theoretisch-verbal an die Sache rangehen. Wir haben darum auch skiziiert, wie eine solche raumbildende Bebauung aussehen könnte.

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